Väter bei der Geburt
Wir haben unsere Lena in der Hebammenpraxis Bühlau
zur Welt gebracht. Für mich war die Geburt ein sehr interessantes und eindrucksvolles Erlebnis.
Hört man sich aber als Mann unter Männern zum Thema Geburt um,
bekommt man recht knappe und distanzierende Antworten:
„Ich glaube, ich habe da nichts verpaßt.” hörte ich
von einem Vater, der bei keiner Geburt dabei war.
„Es war die Hölle.” oder „Na ja, mußte man
mal erlebt haben.” oder „Man war so hilflos.”
sagten andere.
Gespräche mit den Hebammen aus Bühlau und die gedankliche
Verarbeitung des Erlebten formten in mir ein Bild der
Klinikgeburt, bei dem ich sage: „Stimmt. Das muß
man als Mann nicht haben.” Wenn ich ein falsches
Bild aufgebaut habe, möge man mir das verzeihen, schließlich
habe ich selbst keine Klinikgeburt erlebt.
Durch den „Beschützer-Instikt” versucht ein Mann
alles Schmerzhafte von seiner Frau fern zu halten. Bei der
Geburt kommen die Schmerzen aber aus der Frau selbst und
können (eigentlich und ursprünglich) durch keine äußeren
Einflüsse gelindert werden. Das macht den Mann hilflos. Er
fühlt sich in seiner Ehre verletzt.
Sind dann auch noch fremde Personen (Ärzte, Hebammen)
an der Geburt beteiligt, bekommt der Mann das Gefühl, dass
diese Personen den Schmerz erst herbei führen. Dann kommt
noch hinzu, dass die Ärzte und Hebammen mehr wissen als er.
Es kommt also auch noch Demut hinzu.
Sollte man diese Situation in wenigen Worten zusammenfassen,
fallen mir mittelalterliche Verhörmethoden ein, bei denen
der liebste Mensch gequält wird, um eine bestimmte Aussage
zu erzwingen. Nur dass es hier keine Aussage gibt, um die
Qual zu beenden.
In der Hebammenpraxis Bühlau
sind Männer bei der Geburt nicht nur geduldet, sondern
mit festen Aufgaben in das Geschehen integriert. Es wird
sogar gewünscht, dass der Vater des Kindes bei der Geburt
dabei ist. Das gibt der Frau Sicherheit, Geborgenheit und
Vertrautheit.
Die Geburtsvorbereitungskurse (die übrigens nur zu einem
winzigen Teil aus Atemübungen bestehen) sind für Paare
ausgerichtet. Für Männer ist es sogar sehr empfehlenswert,
den Kurs mit zu besuchen. Die Informationen rund um die
Geburt sind besonders für Männer nützlich: Wie kann sich
eine Frau während der Geburt verändern? Wie kann man der
Frau in den Wehenpausen helfen zu entspannen? Wie kann man
der Frau Mut machen, wenn sie am Ende ihrer Kräfte angelangt ist?
Wie sieht ein Neugeborenes aus? Und so weiter.
Frauen brauchen eigentlich keinen Vorbereitungskurs, sie
können einfach gebären. Nicht unbedingt allein, aber mit
der Hilfe einer Hebamme geht es auf alle Fälle. Frauen
sollten den Kurs mehr unterhaltsam betrachten, weil die
vielen (oder gar zu vielen) Informationen und Beispiele nur beschreiben, was
passieren kann und nicht was passieren wird. Das kann
sogar zur eigenen Unsicherheit beitragen. Für Männer aber ist
der Kurs sozusagen „überlebenswichtig”.
Gut vorbereitet kommt der Mann nun zur Geburt mit. Eine
Frau mit Wehen sucht Halt und will und muss sich festhalten.
Dazu kann sie gut irgendwelche Griffe, Stangen oder Seile
verwenden. Aber die sind kalt oder schneiden ein und sind
vielleicht befremdlich. Die Frau fühlt sich wohler,
wenn sie sich in diesem Moment an ihrem Mann festhalten
kann. Sie spürt dadurch, dass ihr Mann zu ihr steht und
kann die Muskelkraft des Mannes mit für sich nutzen.
Das Halten der Frau in den Wehen ist auch für den Mann
sehr wichtig. Zum einen verspürt er selbst, welche Kräfte
seine Frau freisetzt und zum anderen hat er das Gefühl,
echt geholfen zu haben. Außerdem ist dieses Händehalten
eine echte Männersache: Wenn man keinen sicheren Halt hat,
kann es schnell sein, dass die Frau dem Mann den Boden
unter den Füßen wegnimmt.
Wenn ein Mann seine Frau während einer Wehe hält, spürt
er mit, wie die Wehe nachläßt. Wenn die Hände der Frau
noch verkrampft sind, obwohl die Wehe längst vorbei ist,
kann der Mann der Frau die Arme und ggf. auch die Beine
lockern. Das hilft ungemein bei der dringend nötigen
Erholung in den Wehenpausen.
Irgendwann kommt die Frau an einen Punkt der Verzweiflung:
Sie schreit mit der geballten Kraft einer Wehe „Ich
kann nicht mehr!” Da ist auch wieder der Mann
gefragt: Niemand anderes weiß besser, wie diese eine
Frau zu Höchstleistungen animiert werden kann. Wenn der
Mann natürlich durch das „mittelalterliche Verhör”
selbst schon fix und alle ist, wird das wohl nicht
gelingen. Übrigens: Spätestens ab diesem Zeitpunkt sollte
der Tee, welcher der Frau gereicht wird, reichlich Zucker enthalten.
Die höchste Kraftanstrengung wird erreicht, wenn der Kopf
durch den engen Geburtsweg durch das Becken gepresst
wird. Wenn der Mann auch hier seiner Frau Halt gibt,
kann er richtig spüren, wie es vorwärts geht. In den
Wehenpausen merkt er aber auch, wie es wieder rückwärts geht.
Erstaunlicherweise bekommt man über den Griff der Frau
ein Gefühl für den Kräftezustand der Frau. Der Mann hat
dann in jeder Wehe die Möglichkeit zu entscheiden, ob sie in
dieser Wehe nur zweimal pressen sollte oder ob sie auch ein
drittes Mal schafft.
Wenn der Mann so mit seiner Frau bei der Geburt gearbeitet
hat, kann er genauso glücklich und glückselig wie sie
das Neugeborene ansehen. Egal, ob es blau ist, schleimig
oder blutig, ob es schrumpelige Haut hat oder einen
von der Geburt langgezogenen Kopf: Es ist das schönste
Kind der Welt.
Ich bin froh, dass alles so geklappt hat und kein operativer
Eingriff nötig war und auch nicht mit Geburtszange oder
Saugglocke nachgeholfen werden mußte.
Wir drei bedanken uns ganz herzlich bei dem Hebammen- und Ärzteteam
der Hebammenpraxis Bühlau,
ganz besonders aber bei Anke und Sabine, die uns bei der
Geburt begleitet haben und bei Kathrin, die uns ganz geduldig
bei allen nachgeburtlichen Schwierigkeiten zur Seite stand.
Uwe Warmuth
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