Nadine, Uwe, Lena und Jakob Warmuth

Väter bei der Geburt

Wir haben unsere Lena in der Hebammenpraxis Bühlau zur Welt gebracht. Für mich war die Geburt ein sehr interessantes und eindrucksvolles Erlebnis.

Hört man sich aber als Mann unter Männern zum Thema Geburt um, bekommt man recht knappe und distanzierende Antworten:
„Ich glaube, ich habe da nichts verpaßt.” hörte ich von einem Vater, der bei keiner Geburt dabei war. „Es war die Hölle.” oder „Na ja, mußte man mal erlebt haben.” oder „Man war so hilflos.” sagten andere.

Gespräche mit den Hebammen aus Bühlau und die gedankliche Verarbeitung des Erlebten formten in mir ein Bild der Klinikgeburt, bei dem ich sage: „Stimmt. Das muß man als Mann nicht haben.” Wenn ich ein falsches Bild aufgebaut habe, möge man mir das verzeihen, schließlich habe ich selbst keine Klinikgeburt erlebt.

Durch den „Beschützer-Instikt” versucht ein Mann alles Schmerzhafte von seiner Frau fern zu halten. Bei der Geburt kommen die Schmerzen aber aus der Frau selbst und können (eigentlich und ursprünglich) durch keine äußeren Einflüsse gelindert werden. Das macht den Mann hilflos. Er fühlt sich in seiner Ehre verletzt.

Sind dann auch noch fremde Personen (Ärzte, Hebammen) an der Geburt beteiligt, bekommt der Mann das Gefühl, dass diese Personen den Schmerz erst herbei führen. Dann kommt noch hinzu, dass die Ärzte und Hebammen mehr wissen als er. Es kommt also auch noch Demut hinzu.

Sollte man diese Situation in wenigen Worten zusammenfassen, fallen mir mittelalterliche Verhörmethoden ein, bei denen der liebste Mensch gequält wird, um eine bestimmte Aussage zu erzwingen. Nur dass es hier keine Aussage gibt, um die Qual zu beenden.

In der Hebammenpraxis Bühlau sind Männer bei der Geburt nicht nur geduldet, sondern mit festen Aufgaben in das Geschehen integriert. Es wird sogar gewünscht, dass der Vater des Kindes bei der Geburt dabei ist. Das gibt der Frau Sicherheit, Geborgenheit und Vertrautheit.

Die Geburtsvorbereitungskurse (die übrigens nur zu einem winzigen Teil aus Atemübungen bestehen) sind für Paare ausgerichtet. Für Männer ist es sogar sehr empfehlenswert, den Kurs mit zu besuchen. Die Informationen rund um die Geburt sind besonders für Männer nützlich: Wie kann sich eine Frau während der Geburt verändern? Wie kann man der Frau in den Wehenpausen helfen zu entspannen? Wie kann man der Frau Mut machen, wenn sie am Ende ihrer Kräfte angelangt ist? Wie sieht ein Neugeborenes aus? Und so weiter.

Frauen brauchen eigentlich keinen Vorbereitungskurs, sie können einfach gebären. Nicht unbedingt allein, aber mit der Hilfe einer Hebamme geht es auf alle Fälle. Frauen sollten den Kurs mehr unterhaltsam betrachten, weil die vielen (oder gar zu vielen) Informationen und Beispiele nur beschreiben, was passieren kann und nicht was passieren wird. Das kann sogar zur eigenen Unsicherheit beitragen. Für Männer aber ist der Kurs sozusagen „überlebenswichtig”.

Gut vorbereitet kommt der Mann nun zur Geburt mit. Eine Frau mit Wehen sucht Halt und will und muss sich festhalten. Dazu kann sie gut irgendwelche Griffe, Stangen oder Seile verwenden. Aber die sind kalt oder schneiden ein und sind vielleicht befremdlich. Die Frau fühlt sich wohler, wenn sie sich in diesem Moment an ihrem Mann festhalten kann. Sie spürt dadurch, dass ihr Mann zu ihr steht und kann die Muskelkraft des Mannes mit für sich nutzen.

Das Halten der Frau in den Wehen ist auch für den Mann sehr wichtig. Zum einen verspürt er selbst, welche Kräfte seine Frau freisetzt und zum anderen hat er das Gefühl, echt geholfen zu haben. Außerdem ist dieses Händehalten eine echte Männersache: Wenn man keinen sicheren Halt hat, kann es schnell sein, dass die Frau dem Mann den Boden unter den Füßen wegnimmt.

Wenn ein Mann seine Frau während einer Wehe hält, spürt er mit, wie die Wehe nachläßt. Wenn die Hände der Frau noch verkrampft sind, obwohl die Wehe längst vorbei ist, kann der Mann der Frau die Arme und ggf. auch die Beine lockern. Das hilft ungemein bei der dringend nötigen Erholung in den Wehenpausen.

Irgendwann kommt die Frau an einen Punkt der Verzweiflung: Sie schreit mit der geballten Kraft einer Wehe „Ich kann nicht mehr!” Da ist auch wieder der Mann gefragt: Niemand anderes weiß besser, wie diese eine Frau zu Höchstleistungen animiert werden kann. Wenn der Mann natürlich durch das „mittelalterliche Verhör” selbst schon fix und alle ist, wird das wohl nicht gelingen. Übrigens: Spätestens ab diesem Zeitpunkt sollte der Tee, welcher der Frau gereicht wird, reichlich Zucker enthalten.

Die höchste Kraftanstrengung wird erreicht, wenn der Kopf durch den engen Geburtsweg durch das Becken gepresst wird. Wenn der Mann auch hier seiner Frau Halt gibt, kann er richtig spüren, wie es vorwärts geht. In den Wehenpausen merkt er aber auch, wie es wieder rückwärts geht. Erstaunlicherweise bekommt man über den Griff der Frau ein Gefühl für den Kräftezustand der Frau. Der Mann hat dann in jeder Wehe die Möglichkeit zu entscheiden, ob sie in dieser Wehe nur zweimal pressen sollte oder ob sie auch ein drittes Mal schafft.

Wenn der Mann so mit seiner Frau bei der Geburt gearbeitet hat, kann er genauso glücklich und glückselig wie sie das Neugeborene ansehen. Egal, ob es blau ist, schleimig oder blutig, ob es schrumpelige Haut hat oder einen von der Geburt langgezogenen Kopf: Es ist das schönste Kind der Welt.

Ich bin froh, dass alles so geklappt hat und kein operativer Eingriff nötig war und auch nicht mit Geburtszange oder Saugglocke nachgeholfen werden mußte.

Wir drei bedanken uns ganz herzlich bei dem Hebammen- und Ärzteteam der Hebammenpraxis Bühlau, ganz besonders aber bei Anke und Sabine, die uns bei der Geburt begleitet haben und bei Kathrin, die uns ganz geduldig bei allen nachgeburtlichen Schwierigkeiten zur Seite stand.

Uwe Warmuth

 
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